Mandragora : Roman eines Verbrechens

Ayoub, Susanne, 2010
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Medienart Buch
ISBN 978-3-99200-013-5
Verfasser Ayoub, Susanne Wikipedia
Systematik DR.E - Thriller, Spannungs- und Agentenromane
Verlag Braumüller Literaturverl.
Ort Wien
Jahr 2010
Umfang 429 S.
Altersbeschränkung keine
Sprache deutsch
Verfasserangabe Susanne Ayoub
Annotation Nazi-Esoterik und die Erinnerung daran Susanne Ayoubs Roman "Mandragora" Dass die Zeit des Nationalsozialismus (und natürlich die unmittelbare Zeit davor) eine Blütezeit nicht nur für Verschwörungstheorien, sondern auch für Okkultismus und diffuse "magische" Kulte war, ist bezeichnend. Wer vom Herrenmenschentum träumt, dem ist auch anderer esoterischer Unfug nicht fremd. Unter esoterischen Unfug dieser Zeit oder, um es präziser auszudrücken, unter den Begriff "rassistisch-esoterische Bewegung" fallen auch die sogenannte "Ariosophie" und der Neutemplerorden (Ordo Novo Templi) des Jörg Lanz von Liebenfels, eines schillernden rechten Okkultisten, Antisemiten und Rassentheoretikers, der sich gern als "Mann, der Hitler die Ideen gab" stilisierte. Seine "Theorien" bestanden im Prinzip aus der Vorstellung eines goldenen Zeitalters mit einer reinen, von einer Priesterschaft geführten arischen Rasse sowie der Zerstörung dieses Idealzustands durch Rassenmischung. Die Aufgabe seines "Ordens" sah er in der Wiederbelebung des alten "Wissens", der okkulten Mythen und Praktiken. Wie wir aus der Geschichte wissen, fiel dieser nordisch-germanozentrische, antisemitische, antihistorische, antiliberale, als Geheimlehre verbrämte Unsinn auf fruchtbaren Boden. Nicht nur, weil sich etliche hochrangige Nazigrößen nachweislich dafür interessierten, sondern weil die Bereitschaft, dieses und anderes krudes Gedankengut für wahr und interessant zu halten, allgemein weit verbreitet war. Und damit sind wir mitten in der Thematik von "Mandragora", Susanne Ayoubs "Roman eines Verbrechens", der die Faszination derartiger Vorstellungen anhand einer individuellen (Leidens)-Geschichte auslotet. Pola Wolf, eine verarmte serbische Prinzessin, bringt sich und ihre Mutter im Wien der Zwischenkriegszeit als Lehrerin durch. Sie ist Anfang zwanzig, sexuell unerfahren, eine attraktive junge Frau, die auf eigenen Beinen steht und sich der Vernunft verschrieben hat (aber sie unterrichtet nicht nur Biologie, sondern auch Deutsch und schwärmt für romantisch düstere Balladen). Dem fordernden Charme ihres Schuldirektors, der sie in einen Zirkel mit mysteriösen Ritualen und sexuellen Praktiken zieht, kann sie sich nicht lang widersetzen. Fasziniert, irritiert, angezogen und abgestoßen von einem Geschehen, das sie nicht versteht, beginnt sie eine Affäre mit dem Ziehsohn des Direktors, der sie schließlich zu einem Giftanschlag auf seine Zieheltern animiert. Sie wird als Giftmischerin vor Gericht und ins Licht der Medien gezerrt, aber da schlagen schon andere Wogen über dem Jahr 1937 zusammen, und nach Verurteilung und Gefängnis verschwindet Pola Wolf im KZ. Susanne Ayoub erzählt die, hier nur ganz grob skizzierte, Geschichte mit mehreren zwischengeschalteten Filtern: unter der Fiktion eines Manuskripts, das von Pola Wolf nach der Rückkehr aus dem KZ und ihren Versuchen, das Geschehene zu verstehen und Rechenschaft zu finden, im Nachkriegswien niedergeschrieben sowie von einer ihrer ehemaligen Schülerinnen in einem Brief (an eine andere zentrale Romanfigur) kommentiert und teilweise richtiggestellt wird. Diese nur in der Nacherzählung kompliziert anmutende Konstruktion dient beileibe nicht dazu, eine simple Story interessanter zu machen, einen dürftigen Plot aufzupeppen, sondern dazu, ein dichtes Netz der Verunsicherung zu spannen. Die zweifache Erinnerungsleistung erscheint so als Verdopplung der Frage danach, was Wahrheit ist und was Erinnerung, was Geschichte und was Realität, was Erinnerung und was Interpretation. Wenn schon die Protagonistin 1937, zur Zeit des Haupthandlungsstrangs, in Verwirrung gestürzt wird, sich viele traumatische Jahre später daran zu erinnern versucht und postwendend von einer ehemaligen Schülerin kommentiert und auch korrigiert wird, ist der Leser permanent gefordert, sich selbst über das Gelesene zu befragen. Dem leistet die Autorin auch dadurch Vorschub, dass sie die Geschichte in einem diffusen Licht belässt, dem Leser nicht viel mehr Information zugesteht als ihrer Heldin und Aufklärung, wenn schon, dann nur in kleinen Dosen gewährt. Das ist ja auch ein formales Grundmuster des Genres Kriminalliteratur, und das Buch spielt natürlich, allein schon im Untertitel, mit diesem Erfolg und Umsatz versprechenden Genre. Aber wenn "Mandragora" (der Roman führt die auch als "Liebeskraut" oder Alraune bekannte, in hohen Dosen giftige Pflanze im Titel) bloß ein historischer Kriminalroman geworden wäre, würde sich die Lektüre nicht sonderlich lohnen. 1937 - der drohende, bevorstehende braune Umsturz, das Hochkochen gesellschaftlicher, politischer Strömungen, die Europa in den Abgrund führen werden, all das wird in "Mandragora" nicht ständig herbeigeschrieben: es ist auch so gegenwärtig. Susanne Ayoub versteht es perfekt, die latent gewalttätige Stimmung einzufangen, ohne das "Nazi-Thema" öfter als ein paar, sehr geschickt platzierte Male explizit zu machen. Die Verführbarkeit ist denn auch das Thema dieses Romans. Und was im Großen, als gesamtgesellschaftliche Entwicklung, Eingang in den öffentlichen Diskurs gefunden hat, wird von der Autorin im Kleinen durchgespielt: Es braucht nicht viel, und die latent vorhandene Faszination für den obskuren "magischen" Kult des Schuldirektors schwemmt die rationalen Widerstände in Pola Wolf hinweg - was dabei ihr eigener Anteil, was Zwang daran war, wird geschickt in die Metaebene des Erinnerns verlegt und dort "diskutiert": Pola Wolf, das Opfer, oder Pola Wolf, die Täterin? Beides vielleicht? Auch wenn der Autorin im zweiten Teil, in dem Pola auf der Suche nach Wahrheit und Rechenschaft durch das zerstörte Nachkriegswien deliriert, ein wenig die traumwandlerische Sicherheit abhandenkommt, mit der sie im ersten Teil die Stimmung im Wien der Zwischenkriegszeit zu evozieren wusste; auch wenn es zum Schluss hin dann doch ein paar nicht ganz geglückte Windungen und Wendungen braucht, um alle Fäden zu einem Ende und, leider, auch zu einer Erklärung zu führen; auch wenn also der erzählerische Sog, der so selbstverständlich in diese ungewöhnliche Geschichte führt, mit der Zeit schwächer wird: Es bleibt das Verdienst dieses Romans, die latente Bereitschaft für und die Verführbarkeit durch Ideologien jedweder Art, seien es obskure Geheimlehren auf der konkreten oder der Nationalsozialismus auf einer allgemeineren Ebene, anschaulich und nachvollziehbar gemacht zu haben - und gleichzeitig das scheinbar Gewisse auf einer weiteren Ebene gleich wieder zu hinterfragen und zu relativieren und den Leser damit unweigerlich zum Hinterfragen seiner eigenen Gewissheiten über diese Zeit zu nötigen. *Literatur und Kritik* Joe Rabl

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